Public Viewing in Salzburg

Juni 19, 2008
Nun hat sie also begonnen, die Euro. Lang genug haben die meisten darauf hingefiebert – und lang genug haben viele Österreicher versucht, sich dagegen zu wehren. Ohne Erfolg.

Und so stehen nun auch die Bühnen und Leinwände fürs Public Viewing – in Salzburg z.B. mitten in der historischen Altstadt. Und weil die Stadien in Österreich schon so klein sind, haben sich die Veranstalter gedacht, schauen wir doch, dass die Public Viewing Plätze sich diesen anpassen und nicht größer werden.
Mit Ausnahme von Wien. Hier geht es natürlich auch nicht ohne Murren bzw. Granteln – wie der Österreicher sagt – der Anwohner. Einige schöne und große Plätze finden sich in der Hauptstadt für das gemeinsame Fußballschauen. Leider wurde auf der Donauinsel das geplante Event abgesagt.

Die kleinen EM-Städte bieten nur wenig Platz. Klagenfurt maximal 28.000 Zusehern, Salzburg erlaubt 25.000 Menschen bei diesem Spektakel dabei zu sein und trotz schöner Lage toppt Innsbruck alles. Hier können am Bergisel gerade einmal 15.000 Menschen den Spitzenleistungen der Heimelf zuschauen. Gut, dass sich England nicht qualifiziert hat. Bei geschätzten 7.000 Tickets fürs Stadion, die an die jeweiligen „Fangruppen“ (bzw. Ausgelosten „zur Euro geh ich auch mal ins Stadion“-Leuten) herausgegeben wurden, hätten unsere Freunde von der Insel an jedem Spieltag alle drei Städte gleich alleine voll gemacht. Mal sehen wie viele Deutsche den Sprung über die Grenze wagen. Aber auch die Portugiesen haben einige feierlustige Anhänger mit dabei. Beim ersten öffentlichen Training kamen 12.000 Fans. Auch wenn sie in der Schweiz spielen, zum Vergleich, in Innsbruck hätten dann noch knapp 3.000 Einheimische Platz.

Schwaches Rahmenprogramm

Natürlich ist man sich von Veranstalterseite nicht ganz sicher, ob die 3.000 auch alle für so ein Event wie die Euro kommen würden. Deshalb gibtâ019s als Rahmenprogramm auch gleich ein Schanzen-Matten-Springen. Das Rahmenprogramm hat es auch in Salzburg in sich. Am 28. Juni – also 12 Tage nach dem Ausscheiden des Gastgebers – kommt die Lungauer Bigband. Ein echter Leckerbissen. Die Kastelruther Spatzen waren den Veranstaltern wahrscheinlich ein bisserl zu international.

Es wird eng

Bis zum 28. Juni braucht man sich um Platzprobleme dann auch bei gesichertem Scheitern der Österreicher in der Vorrunde auch keine Gedanken mehr zu machen. Höchstens wenn die feiernden Deutschen schnell mal über die Grenze kommen wollen, um in der Mozartstadt das Endspiel mit der eigenen Mannschaft zu sehen. In der Vorrunde dagegen könnte es vor allem in Salzburg ganz schön eng werden. Bei dem ohnehin begrenzten Raum auf den drei kleinen Plätzen (wovon auf dem Mozartplatz gar keine Leinwand steht) hat sich der Veranstalter putzigerweise einfallen lassen, derart viele weiße Zelte aufzustellen, dass die Stehfläche noch einmal halbiert wird. Gut gemacht. Man weiß auch gar nicht ob es sich dort um Public Viewing oder einen lustigen Werbe-Parcours handelt. Alle Sponsoren haben gefühlt so viel Platz bekommen, wie die anderen 25.000 Menschen, die dann ihre Produkte kaufen sollen. Nein, Verzeihung, die sich dort ein Fußballspiel ansehen wollen.

Am gestrigen ersten Tag der EURO wäre man in Salzburg allerdings auch mit weniger als der Hälfte des Platzes ausgekommen. Zumindest bei dem Spiel um 18 Uhr hielt sich das Interesse sehr in Grenzen. Das zweite Spiel Portugal gegen die Türkei wurde dann – in Salzburg – schon recht ordentlich besucht. Die Spiele heute von Österreich und Deutschland versprechen (aus der WM06-Erfahrung) den Rahmen zu sprengen.

Das Problem mit dem Bier

Platzprobleme sind also vorprogrammiert, dass das Bier ausgeht, wohl eher nicht. Erstens darf der ortsansässige Bier-Riese beim Public Viewing natürlich kein Bier anbieten. Und das passt den meisten Salzburgern überhaupt nicht, dass sie nicht ihr gewohntes Bier zu den Spielen genießen dürfen. Und der auswärtige Anbieter hat sich gedacht: Wenn ich hier schon mein Bier und nicht das Salzburger Bier verkaufe, dann passe ich mich wenigstens preislich den Salzburger Verhältnissen an – und setze noch einen drauf. Der Becher Bier kostet 4,20 EUR. Na dann Prost. (nh)


Fußballfieber in Österreich

Juni 19, 2008
Wenn man Fieber hat, sollte man möglichst zum Arzt gehen. Österreich dagegen richtet eine Fußball-EM aus.

„Wir haben Fieber“, singt Christl Stürmer im inoffiziellen EM-Song. Die fiebrige Stimmung in Österreich ist aber keinesfalls im positiven Sinn zu sehen.
Das Fieber, dass in Österreich im Bezug auf die EURO um sich greift, gleicht für die Bewohner der Alpenrepublik mehr einer Seuche, die sich verbreitet.

Und dieser Seuche versuchen sie alles in ihrer Macht stehende entgegenzusetzen. Für eine Impfung ist mit dem heutigen Tag und dem Beginn der EURO davor jedoch zu spät. Hier eine kleine Übersicht der Vorsichtsmaßnahmen, die bisher unternommen wurden, sich vor der EM und einer gesteigerten Euphorie im eigenen Land zu schützen.

Impfschutz 1

Das eigene Nationalteam unter Josef – Peppi – Hickersberger hat seinen Teil eigentlich erfüllt. Es hat in der Vorbereitung auf das Turnier so schlecht gespielt, dass schon mal gar keine Euphorie aufkommen konnte. Es gab darauf aus der Bevölkerung sogar eine Initiative zum Verzicht auf den eigenen Startplatz, da man mit solchen Leistungen nichts bei der EM zu suchen habe.

Nur ein Sieg in 15 Länderspielen seit Anfang 2007 (7 Unentschieden, 7 Niederlagen, 1 Sieg) und das Abrutschen auf Platz 122 in der Weltrangliste belegen die (nicht vorhandene) Qualität des Teams. Kein Polster, kein Prohaska und schon gar kein „I wird narrisch – Krankl“ sind im aktuellen Team (noch) in Sicht. Abgesehen vom 6:0 Sieg gegen eine Ortsauswahl von Spittal an der Drau (einem Ort in Kärnten mit 16.045 Einwohnern) gelang der Auswahl nur ein Sieg Ende 2007 gegen den damaligen Afrikameister Elfenbeinküste. Der darauf gestellte Antrag, den Afrika-Cup statt der Europameisterschaft auszurichten zu wollen, wurde aber abgelehnt.

Diagnose: Impfschutz fast wirksam. Aber weder Initiative noch die schlechten Leistungen halfen. Das Team muss bei der Euro starten.

Impfschutz 2

Anwohner und Stadtverwaltung tun alles gegen die, ohnehin nur langsam aufkommende, Atmosphäre. Damit sich bloß keine Euphorie in den Städten und bei den Österreichern entwickelt, bleibt nichts unversucht. Noch vor wenigen Tagen wollte die Stadt Salzburg durchsetzen, dass Straßencafes und Kneipen, die die Spiele im Freien übertragen, ohne Ton senden. Die Ruhe in der provinziellen „Weltstadt“ (außer Mozart nix gewesen) solle durch den „Lärm“ der Fußballübertragung nicht gestört werden. Der Vorschlag wurde glücklicherweise revidiert. Nicht nur durch aufgebrachte Bar- und Lokalbesitzer.

Diagnose: Impfschutz fehlgeschlagen: Es darf sogar bei Toren gejubelt werden. Dazu müsste Österreich aber erstmal eins schießen. (Trifft dies tatsächlich ein, wurde bereits vorgeschlagen im Stadion nicht den Song „Fieber“ von Christina Stürmer, sondern „I hab immer dran geglaubt…“ einzuspielen…)

Impfschutz 3

Von der WM 06 in Deutschland blieben einem vor allem die Autos in Erinnerung, die mit gehissten Fähnchen Patriotismus und Euphorie in den Städten und Dörfern verbreiteten. Um dieser Möglichkeit der aufkommenden Identifikation mit dem eigenen Team schon im Keim zu ersticken, erinnerte die Österreichische Regierung schnell noch einmal an die Straßenverkehrsordnung. Die besagt, dass das Anbringen von Fähnchen an Autos in Österreich nicht erlaubt ist. Dieses Verbot wurde mittlerweile jedoch gekippt. Die großen Boulevardblätter hatten schon ordentlich Fähnchen vorproduziert, die mit den Zeitungen verkauft werden, auf denen sie sonst sitzen geblieben wären.

Diagnose: Impfschutz fehlgeschlagen. Die Österreich-Fahnen wehen nun nicht nur auf den Gipfeln der Berge, sondern nun vereinzelt auch schon auf den österreichischen Autos.

Wenn alle Impfschütze der Österreichischen Regierung und Bevölkerung weiterhin so fehlschlagen, könnte es doch noch ein Fußballfest werden – wenn auch nicht für das österreichische Nationalteam. Aber das ist für uns Deutsche dann eh umso schöner.
Dazu und zu anderen Themen der EURO 08 mehr in der nächsten Ausgabe des „Vor Ort Report aus Salzburg“